Die Gedanke des schrecklichen Mädchens

„Was halten Sie von dem Verhalten von Sonja in dem Film? Würden Sie sich auch so verhalten? Warum? Warum nicht? Soll man schlafende Hunde wecken oder nicht?“

Eine kurze Szene als Einführung zum Thema:

(Der Bürgermeister runzelt die Stirn und faltet die Zeitung. Das Mädel sitzt unverschämt vor ihm. Früher gab es in dem Büro Paparazzi, aber jetzt sitzen die zwei alleine mit den Fragen.)

BÜRGERMEISTER: Also? Was möchten Sie dann sagen?
MÄDCHEN: Ich möcht‘ gar nichts sagen. Ich hab alles zum Bessern gemacht.
BÜRGERMEISTER: (wird böse) Zum Bessern?! Sie haben hier nur Mist gebaut, dass Sie alles wieder ans Tageslicht bringen!
MÄDCHEN: (stur) Die Wahrheit muss doch enthüllt werden! Dass sie verborgen wurde, ist komplett bescheuert!

(Sie streiten sich und werden immer lauter, bis es plötzlich jemand an die Tür klopft.)

BÜRGERMEISTER: …hereinspaziert…

(Die Sekretärin Mariah tritt ein.)

MARIAH: Entschuldigung. Ich wollte nur mal fragen, ob Sie noch was brauchen.
BÜRGERMEISTER: Eigentlich, ja. Ich brauche eine zweite Meinung.
MÄDCHEN: Das will ich auch nämlich hören. Sagen Sie mal, was halten Sie von der ganzen Sache?
MARIAH: (schweigt eine kurze Zeit) …Ich stimme ihr zu.
BÜRGERMEISTER: (brüllend, er steht auf) Sowas gibt’s in dieser Verwaltung, dass eine Sekretärin von mir dafür ist, dass der ganze Dreck von meiner Vergangenheit wieder auftaucht!
MARIAH: Naja! Aber ich stimme ihr trotzdem zu! Die Wahrheit muss sein. Die Menschen haben doch ein Recht zu wissen, wie die Zeit damals wirklich war! Ich hätte das auch ins Licht gebracht…Sonst lernen wir nie und die Zukunft könnte genau so schlecht werden.
MÄDCHEN: Das ist es genau.
BÜRGERMEISTER: Lassen Sie schlafende Hunde in Ruhe! Man muss sie nicht immer wecken!
MARIAH: Das ist ja feige.
MÄDCHEN: Die Vergangenheit müssen wir irgendwann doch verarbeiten, und das kann man nur machen, wenn man die Wahrheit im Blick hat.

(Der Bürgermeister setzt sich langsam hin. Die zwei Frauen verlassen das Zimmer. Der Mann bleibt jetzt allein mit seiner Vergangenheit in einer Hand und der Wahrheit in der Anderen.)

–————–

Zu dem Thema „Vergangenheitsbewältigung“ gibt es viel zu diskutieren: ob es sich lohnt…ob es eine tief verwurzelte Eigenschaft der Kultur ist, Sachen auch Generationen später zu verdrängen…oder ob es überhaupt möglich ist, die Vergangenheit zu „bewältigen!“
Wie soll man durch Gewalt mit der Vergangenheit umgehen? Es gibt nichts Konkretes mehr zu „bewältigen“. Jedoch glaube ich, dass Menschen die Vergangenheit gesund verarbeiten können. Dazu brauchen sie aber den Mut.
Den Mut hatte Sonja im Film und Anna Rosmus im echten Leben. Ich möchte sagen, dass ich mich auch so verhalten würde, wenn es um die Wahrheit ging. Ich hätte mir um die Zukunt der Gesellschaft Sorge gemacht, wenn ich herausfand, dass ein wichtiger Teil der Vergangenheit versteckt wurde. „Wir müssen wissen, woher das kommt, damit wir wissen, wohin es geht!“
In dem Film kann man bei den Szene mit den Neonazis merken, dass Sonjas Kampf sich um etwas viel Grösser als sie und ihre Heimat ging: man soll Sonja und ihre Suche nach Fakten der Vergangenheit loben, denn sie schaffte das, woran Andere scheiterten, nämlich, sie fand in sich den Mut, die dunkele Vergangenheit ihrer lieben Heimat zu verarbeiten.
Andererseits müssen wir uns auch heutzutage Gedanke darüber machen, genau wie viel? oder wie oft? oder inwiefern? wir uns auf die schlimmste Zeit der Geschichte konzentrieren sollen. Natürlich müssen wir nicht vergessen, wie alles damals geschehen ist, aber eine neue Frage ist erschienen: „wann vergeht die Vergangenheit?“ Also wann dürfen wir ohne die Schuld unser Vorfahren leben? Die neue deutsche Generation muss sich nicht nur darum kümmern, dass sie die Vergangenheit gut „bewältigen“, sondern auch, dass sie die wirklich aufarbeitet, damit sie IHRE Kinder davon befreien kann. „Aufarbeiten“ und „verarbeiten“ in einem gesundlichen Sinn soll nie „vergessen“ heißen, aber es darf nicht mehr sein, dass die Vergangenheit die Welt beherrscht.

Referat-Material:
Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ als deutsches Thema

Vergangenheitsbewältigung: die Aufarbeitung der Schuldgefühle und des Negatives und Verdrängtes in der Nachkriegzeit.

– „Erzählen ist heilsam, doch über Generationen hinweg wurde nicht über Kriegserlebnisse gesprochen. Wie viel Trauma hat sich so in unserer Psyche vererbt?…Wie viel Erster Weltkrieg, mit anderen Worten, schleppen die Deutschen hundert Jahre später noch in ihrer Psyche mit sich herum?“
-Jochen Bittner, Zeit.de, am 31. Juli 2014

– Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ hat seine Wurzeln anscheinend im Schreiben des Historiker Hermann Heimpel

– „Das Wort ‚Vergangenheitsbewältigung‘ ist nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen und zwar im Zusammenhang mit der Frage, wie die Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umgehen sollten…Was war mit diesem Wort gemeint?“ (Wertgen, S. 12)

– Das so ein Wort überhaupt gebraucht ist, zeigt, dass die Deutsche kein konkretes Ziel haben: „Die Rede von Vergangenheitsbewältigung beinhaltete nämlich alles andere als ein allgemein anerkanntes Konzept…Sie war viel mehr [eine] Thematisierung…Die Vokabel „Vergangenheitsbewältigung“ beschrieb einen Problembereich, gab aber selbst noch keine Antwort.“ (Wertgen, S. 12)

– Der Begriff bezieht sich nicht nur auf die Verarbeitung der Schuld und die Erinnerungen der Kriege, sonder auch auf die der DDR- und Stasi-Zeit.

– „Der Umgang mit Vergangenheit sei kein endlicher, sondern ein kontinuierlicher Prozess.“ (Wertgen, S. 14)

Anna Rosmus und „Das schreckliche Mädchen“

– Anna (Anja) Rosmus: das originale, lebendige Schreckliche Mädchen
-geboren 1960, Passau
– Tochter eines Schulleiter und einer Religionlehrerin, beide CSU-Mitglieder
-verheiratete ihren Mathematiklehrer nach dem Abitur
-Sie hatte schon einige Preise für ihre Aufsätze gewonnen
-Schrieb mit 20 Jahren den Aufsatz „Die Vorkriegsjahre in meiner Heimatstadt“…und zwar begannen die Probleme…
-Wohnt seit 1994 in den Staaten, „weil ich in den USA soviel mehr über den Holocaust in meiner Heimat erfahren kann als in Niederbayern selbst.“ -Anna Rosmus in Dem Spiegel, 14.10.1996

-Das Thema ihres Aufsätzes führte sie zur Recherche über die Stadt Passau, was zu einem Kampf gegen die Stadt führte: „Die Stadt Passau verschwor sich gegen eine Schülerin, die einen Aufsatz schreiben wollte.“ -Der Spiegel, 30.04.1984

-Der Film ist autobiographisch

-Gefilmt 1990 von Michael Verhoeven („Die weisse Rose“)
-gewann mehrere Auszeichnungen, einschliesslich des Silberen Bäres, des Deutschen Filmpreis, 1990, und „Best Film in a Foreign Language“
-wurde in München, Paris, und Passau gefilmt
-92 Minuten lang
-wurde 1991 in den Staaten laufen gelassen
-Plakate darfür durfte nicht in Passau aufgehängt werden

-Charaktere:
Lena Stolze als Sonja Wegmus-Rosenberger
Hans-Reinhard Müller als Dr. Juckenack
Monika Baumgartner als Sonjas Mutter
Elisabeth Bertram als Sonjas Großmutter
Michael Gahr als Paul Rosenberger
Robert Giggenbach als Martin Wegmus
Barbara Gallauner als Frau Juckenack

Quellen

The Nasty Girl (1990). IMDB. http://www.imdb.com/title/tt0100557/

„The Nasty Girl Still at Work.“ CBS News, April 3, 2000. http://www.cbsnews.com/news/nasty-girl- still-at-work/

Bittner, Jochen. „Wir Weltkriegsenkel : Erzählen ist heilsam, doch über Generationen hinweg wurde nicht über Kriegserlebnisse gesprochen. Wie viel Trauma hat sich so in unserer Psyche vererbt? Zeit, zu reden.“ Die Zeit, Juli 31 2014. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014- 07/weltkrieg-trauma-psyche-generationen

Broder, Henryk M. „Eine Art Säulenheilige: In Amerika wird Anja Rosmus als Expertin für den Holocaust herumgereicht, in Berlin erhält sie den Galinski-Preis.“ Der Spiegel, Oktober 14 1996. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9105235.html

Das schreckliche Mädchen. Filmportal.de. http://www.filmportal.de/film/das-schreckliche- maedchen_3a21f61c84444206a724b5cb34abf1db

„Rechter Arm zittert: Die Stadt Passau verschwor sich gegen eine Schülerin, die einen Aufsatz schreiben wollte. Thema: Alltag im Nationalsozialismus.“ Der Spiegel, April 30 1984. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13510554.html
Strothmann, Dietrich. „Eine Passauer Passion: Wie die Studentin Anja Rosmus-Wenninger eine Stadt aufschreckte.“ Die Zeit, Dezember 14 1984. http://www.zeit.de/1984/51/eine-passauer- passion/komplettansicht

Vergangenheitsbewältigung. Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Wikimedia Foundation, Inc.Web. http://de.wikipedia.org/wiki/Vergangenheitsbewältigung

Wertgen, Werner. Vergangenheitsbewältigung Interpretation und Verantwortung ; ein ethischer Beitrag zu ihrer theoretischen Grundlegung. Paderborn; München [u.a.] 2001. Web. Seiten 12-14.

Dokumentar über Anna Rosmus:

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