Wie die Vergangenheit heißt

(Die Szene spielt in dem Wohnzimmer eines kleinen Hauses, wo ein älterer Mann alleine sitzt. Er hat ein ernstes Gesicht aber die Augen sind müde und weich, als ob er weinen wollte aber erlaubte es sich nicht. Er blättert durch einige alten Papiere).
(Von dem Off kommt eine Stimme).
FRAU: ….und weißt du, wenn keiner dich versteht, dann kann auch keiner von dir Rechenschaft fordern…

(Eine junge Frau, die Tochter des Mannes, tritt ein).
TOCHTER: Was liest du da?
MANN: Eine alte Geschichte.
TOCHTER: …Liest du über den Prozess wieder?
MANN: Warum fragst du?
TOCHTER: Da ich merke, dass es dich beschäftigt. Warum ist das dir denn so wichtig?
MANN: …sag mir etwas. Ich will deine Meinung hören. Was würdest du tun, wenn du etwas wüsstest, dass das Ergebnis eines Prozesses ändern würde?
TOCHTER: Also…ich würde etwas sagen, natürlich. Ich würde etwas dem Richter oder dem Staatsanwalt sagen.
MANN: Auch, wenn das, was du wüsstest, dem Verbrecher helfen würde?
TOCHTER: Was hätte der Verbrecher getan?
MANN: Stell dir vor, du weißt etwas, was jemanden von einer schlimmen Strafe retten könnte. Die Person hat zwar eine Strafe verdient, aber nicht lebenslänglich.
TOCHTER: Ja, ich würde bestimmt etwas sagen.
MANN: Stell dir vor, die Person hätte für die Nazis gearbeitet.
TOCHTER: (schweigt)
MANN: Stell dir jetzt vor, die Person könnte selber das sagen, was sie retten würde, aber entscheidet sich, zu schweigen.
TOCHTER: Warum?
MANN: Ah, aus Scham. Oder Angst. Oder Stolz. Ich denke, nur die Person könnte das sicher wissen.
TOCHTER: Also…eine Person hätte für die Nazis gearbeitet. Das heißt, sie hätte bestimmt ein furchtbares Verbrechen begangen, oder wäre eine Mitläuferin gewesen. Warum würde ich dann überhaupt helfen wollen?
MANN: Weil sie nicht alleine in ihrem Verbrechen wäre, und doch nicht die höchste Strafe verdient hätte.
TOCHTER: Und das würde ich wissen, durch das, was ich wüsste…und ich könnte dann vielleicht das Ergebnis ändern und sehen, dass die Person eine gerechte Strafe bekommen würde?
MANN: Richtig.
TOCHTER: …dann…dann, ja. Ja, ich glaube schon. Gerechtigkeit soll…Gerechtigkeit soll doch objektiv sein, oder?
MANN: (leise) Es soll so sein, ja.
TOCHTER: Aber warum hätte die Person selber nichts gesagt? Hast du früher lebenslänglich gesagt? Nur aus Scham! Oder Stolz! Das…nee, Gerechtigkeit muss ja gerecht sein. Jeder Mensch soll fair bestraft werden. Ich denke auch, wir können auch damit etwas Größeres zurecht machen. Äh, irgendwie damit…verstehst du, was ich sagen will? Also, wenn wir so gerecht sein könnten, dass wir auch den rechten Weg einschlagen, wenn es um einen Nazi geht, dann…dann könnten wir etwas beweisen, oder? Irgendwie damit zeigen, dass wir anständig oder recht sind…natürlich muss die Person immer für ihren Tat büßen. Aber was beweist es, wenn eine Verbrecherin eine sehr schlimme Bestrafung bekommt, wenn sie es auch nicht verdient hat?

MANN: Es „beweist“, dass wir die Vergangenheit verdrängen.

TOCHTER: Was für eine Person war das, überhaupt?
MANN: Eine Person, die nicht bis zum Ende ihres Lebens verstanden hat, was sie Anderen angetan hat. Ich glaube, sie wollte es vielleicht nicht bis dann wissen.
TOCHTER: …Weißt du, woran das mich erinnert?
MANN: Woran?
TOCHTER: Deutschland. Nach dem Krieg. Wie passend, dass ein ehemaliger Nazi das alte Deutschland repräsentiert.
MANN: (schweigt)
TOCHTER: Siehste’s nicht? Also die Person könnte Deutschland symbolisieren, das alte Deutschland. Das Deutschland, das sich gegen die Vergangenheit verweigert, weil es sie noch nicht genau versteht, aber sie nicht vergessen darf. Und eine Strafe für lebenslang, also, eine, die in dem Fall nicht gerecht wäre, würde das neue Deutschland symbolisieren…das heutige Deutschland, das die Vergangenheit bewältigen will, aber nicht genau weiß wie…und zwar will sie wegschließen. Verstehst du?
MANN: Und was würdest du symbolisieren, wenn du das, was du über die Person wüsstest, nicht sagtest?
TOCHTER: Ich…ich weiß es nicht. Was würde ich symbolisieren?
MANN: Vielleicht, dass die Welt der Scham der Person zustimmte. Dass du und Andere euch auch schämt, für das, was geschehen ist und das, was du weißt.
TOCHTER: …Ich würde lieber von der Vergangenheit lernen wollen, als darunter leiden. Die Menschen der nächsten Generationen müssen ja arbeiten, um sicher zu machen, dass sie die Vergangenheit nicht vergessen. Sie sollen sich für ihre Vorfahrern schämen, damit sie das, was sie gemacht haben, nicht wiederholen. Aber selber schuldig zu fühlen? Dann kommen wir nie weiter.
MANN: (schweigt, faltet die Papiere langsam zusammen und steht auf) Wollen wir nach draußen gehen? Wir sollen den schönen Tag genießen, gel?
TOCHTER: Äh, kla…was machst du mit den Papieren, Papa?
MANN: Nichts mehr. Na komm, gehen wir…
(Der Mann gibt seiner Tochter die Papiere und sie verlassen die Szene. Die Szene wird schwarz.
Von dem Off kommt wieder die Stimme der Frau).
FRAU: …wenn keiner dich versteht, dann kann auch keiner Rechenschaft von mir fordern. Aber die Toten können es. Sie verstehen. Dafür müssen sie gar nicht dabei gewesen sein, aber wenn sie es waren, verstehen sie besonders gut…

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