Ein Brief an Lazlo

(Wiesler sitzt alleine mit einem Buch in der Hand und ein leeres Blatt Papier vor ihm. Er überlegt sich ruhig, damit er weiß, genau was er schreiben möchte. Es würde ja nicht passen, etwas zu schreiben, ohne dass es genau richtig wäre).

Herr Georg Dreymann,
(Er stoppt, unsicher und streicht die Wörter durch. Er nimmt ein neues Blatt. Pause. Er fängt wieder an und versucht jetzt lockerer zu schreiben…)
Sehr geehrter Herr Dreymann,
(Er stoppt. Pause. Er atmet langsam und streicht die Wörter wieder durch. Neues Blatt. Er blättert durch das Buch und fängt jetzt neu an…)
Hallo,
ich möchte mich bei ̶ ̶ ̶d̶i̶r̶ ̶ ̶ Ihnen für ̶ ̶ ̶ ̶d̶i̶e̶ ̶W̶i̶d̶m̶u̶n̶g̶ ̶ ̶ ̶ die sehr ehrlich erzählte Geschichte Ihres Buches bedanken. Es braucht einen sehr begabten und mutigen Menschen, so klar und brav über eine verwirrende, verworrene Zeit zu schreiben. Ich stimme mit Ihnen überein, dass wir mehr von solchen Menschen wie der Herr Jerska oder Frau Sieland gebraucht haben, also natürlich auch, dass wir immerhin mehr leidenschaftliche Künstler brauchen. Ohne Kunst und die Erzähler dahinter würden wir alltäglichen Menschen die Wahrheit vielleicht nie wieder ins Gesicht schauen können.
Zu der Wahrheit, die wir jetzt erkennen müssen, möchte ich aber auch etwas sagen: wir von der Stasi haben sie nie akzeptieren können. Wir haben sie nie leben lassen können, nicht solange sie den Staat bedrohte. Der Staat war unsere Wahrheit. Ohne ihn kannten wir nichts. Wir hatten eine Wahrheit früher gekannt, aber sie haben wir vergessen müssen, um unsere Arbeit zu erledigen und den Staat zu unterstützen. Es ist nicht, dass wir alle schlechte Menschen waren. Wir hatten eine schlechte Aufgabe, und ohne etwas Anderes in unserm Leben würde sie ein Teil von uns.
Der Staat war alles, verstehen Sie. Der Staat hat die Wahrheit der Kunst getötet, und wir haben die der alltäglichen Menschen kontrolliert.
Aber Ihr alltägliches Leben, Ihre Kunst, hat mir eine kleine Wahrheit gezeigt. Nur eine kleine, private Wahrheit. Und ich konnte mich nicht dazu bringen, sie zu erwürgen. Ich war davon fasziniert. Ich wollte mehr Wahrheit sehen. Ich wollte eine Wahrheit haben, erleben. In der Suche danach habe ich versucht, ein guter Mensch zu sein. Durch Sie war das für mich irgendwie möglich, oder zumindest eine Möglichkeit.
Also, falls Sie je gefragt haben, warum Ihr Stasi-Hund sich nicht wie die Anderen verhalten hat, wissen Sie jetzt.
Danke für die Widmung, die Geschichte, und die Wahrheit.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr HGW XX/7
(Er liest seinen Brief, um sicher zu machen, dass darin es keinen Fehler gibt. Die Szene soll zu Schwarz gehen, ohne zu zeigen, ob er den Brief je abschickt…)

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